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Ein Opfer der Entropie: Warum Beresovskij doch kein reicher Rentner geworden ist

Beresovskij kannte den Zustand der Muße nicht. Und als dieser eintraf, zerstörte es ihn.

Vor vielen Jahren sagte mir Peter Aven über Beresovskij, dass dieser, wie ein Photon, keine Masse besitze.  Damals schien es für mich bloß eine scharfsinnige Charakteristik von Boris Abramovich als einen Choleriker und Menschen von rasender Energie zu sein.

Nun, sogleich der Stillstand gekommen ist, hat es ihn tatsächlich mitgenommen.

Beresovskij selbst sagte oftmals, Sacharow zitierend, dass „Der Sinn des Lebens ist in der Expansion“. Sogleich eine Expansion aufgrund objektiver, ewig zugrundeliegender Ursachen unmöglich geworden ist (alles passiert im Leben irgendwann zum ersten Mal), verschwand auch der Sinn seines Lebens. So wie Beresovskij ihn begriff, selbstverständlich.

Boris war ein Mathematiker und verstand bestens, was das zweite Gesetz der Thermodynamik ist. Ein Anstieg der Entropie, Streben nach Gleichgewicht und Ruhe – das ist der Tod des Universums.

Er versuchte dem mit aller Kraft entgegenzuwirken – wie die Helden seiner Jugend aus dem Roman der Brüder Strugatzki „Milliarden Jahre vor dem Weltuntergang“.

In diesem Sinne verabscheute er die Stabilität putinistischen Russlands. Er konnte die „Vorhersehbarkeit des morgigen Tages“, einen Traum für alle, die „den Himmel nicht sehen wollen“ organisch nicht vertragen.

All diejenigen, die es auch hier schön haben – warm und mild.

Beresovskij, so wie ich ihn in Erinnerung habe, war unglaublich unwissend in allem, was humanitäre Aspekte der menschlichen Lebenstätigkeit angeht.

Er war aufrichtig erstaunt über jegliche offensichtliche Erscheinungen von Menschlichkeit und hielt es für eine Schwäche. Er freute sich immer, wenn er solche Eigenschaften bei seinen Feinden entdeckte: diese sind stets zu seinem Angriffsziel geworden.

Von sich selbst war er überzeugt, diese Schwächen nicht zu haben. Und nun, im Alter, wurde er zu einem banalen Greis mit Sehnsucht nach Mitleid und Verständnis…

Ah, Boris, Boris… Noch vor fünf Jahren kam dir gar nicht in den Sinn, dass es jeder alter Mann benötigt. Dies liegt in der menschlichen Natur. Gott hat dich davon nicht entbehrt. Zum Glück hast du zumindest am Ende deines Lebens die Wichtigkeit solcher Dinge wie Mitleid, Erbarmen und Mitgefühl erkannt…

Wenn wir jung sind, wenn alles sehr gut läuft und das Leben spielt uns stets eine Trumpfkarte aus, dann gefallen wir sowohl uns selbst als auch schönen Frauen und der Presse. Die Macht fällt uns selbst in die Arme. Dann kennen wir keine Zweifel, treffen Entscheidungen schnell und scharf, erteilen Befehle. Wir handeln ohne jegliche Santimente und erscheinen uns selbst als kalte Pragmatiker und römische Helden.

Aber eines Tages, im feuchten und kühlen Londoner Winter, gehen wir aus dem Haus und entdecken ein paar Blöcke weiter, in Gedanken versunken, Tränen auf den Wangen. „Das ist wohl der Wind“, – kommt zuerst der Gedanke. Aber dann spüren wir ihren salzigen Geschmack, der uns auch zu Hause vor dem Feuer und sogar im warmen Bad nicht verlässt.

Sentimentalität im Alter – das ist alles, was uns nach all unseren Siegen verbleibt.

Und diese Tränen unterscheiden sich nicht in kleinstem Detail von denen, die von den Niederlagen kommen. Was ist denn dann anders?

Wie hält man einen Sieg und eine Niederlage auseinander?

Boris Pasternak war der Meinung, dass wir das nicht selbst können müssen. Unsere Niederlagen und Triumphe sind von anderen Menschen festzuhalten und zu unterscheiden.

Was liefert uns denn nun eine objektive Analyse der Siege und Niederlagen von Beresovskij?

Dasselbe, was eine solche Analyse auch bei anderen Menschen liefert: Siege geben Macht und Geld, Niederlagen – Weisheit.

Je früher man den Geschmack von Niederlagen erfährt, desto früher wird man weiser. Und dann muss man sich im Alter nicht darüber wundern, dass dich immer weniger Menschen umgeben, dass du nicht mehr so interessant für sie bist, wie du einst warst, dass nun nicht so viel von deiner Person abhängt.

„Alles ist vergänglich“, – stand auf dem Ring des biblischen Zaren Salomon. So ist auch alles bei Boris Abramovich Beresovskij vergangen. Sowohl Ruhm als auch Ruhmlosigkeit. Sowohl Geld als auch Armut. Sowohl Macht als auch Vergessenheit. Alles ist in der Vergangenheit verblieben. Nun macht er sich für sein wichtigstes Treffen bereit. Für das Gottesgericht.

Er war tapfer. Er war klug. Er war reich. Ihm schenkten schöne Frauen ihre Liebe. Er hatte viele Feinde. Doch starke Feinde schmeicheln einem echten Mann. Er hinterließ viele Kinder, die ihn wahrscheinlich noch lange in guten Erinnerungen behalten werden.

Im Wesentlichen, was braucht man mehr?

übersetzt aus dem Russischen: Alfred Koch, Forbes.ru

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