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Die Partei der 10 Gebote in Russland

Partei der 10 Gebote

Partei der 10 Gebote

In Russland entsteht noch eine Partei – die Partei der 10 Gebote. Die Idee ist eigentlich nicht schlecht: der Politik wieder Moralität und das „göttliche Licht“ zu verleihen.

Jedoch gibt es Zweifel an der Ehrlichkeit der neuen Parteigenossen…Mag hinter dieser Idee vielleicht ein neues Projekt der „Polittechnologen“zu stecken, die besorgt sind über das schlechte Rating der Partei „Einiges Russland“? Besteht der Sinn des Projekts möglicherweise darin, den Wähler ins Kleinliche verfallen zu lassen, damit er überhaupt nicht mehr begreifen kann, wofür und was er wählen soll?

Sollte dies der Fall sein, dann wird die neue seelen-rettende Partei die gleiche Rolle spielen, die Dutzend anderer Parteien, kloniert im Kreml, bereits ausführen. Die Rolle des politischen Statisten.

Wer sind die Mitglieder?

Aber unter der Annahme, dass die „Partei der 10 Gebote“ ein ernsthaftes Projekt sei, dann kommt die Frage auf, wen sie doch an ihre Seite locken will? Man kann ja nicht direkt die ganze orthodoxe Welt da reinpacken. Allerdings hatten es die Gründer der Partei so eilig, dass sie noch Nichtmals eine ideelle Plattform erarbeitet haben. Sie haben einfach die 10 Gebote des Propheten Moses auf ihre politische Tafel abgeschrieben.

Dabei wäre es doch ganz nützlich, eine sehr wichtige biblische Geschichte ins Gedächtnis zu rufen, die von den 10 Geboten handelt. Als Moses auf die Erde hinabstieg, um den Menschen von den 10 Geboten zu berichten, wurde er Zeuge einiger unschöner Volksszenen: die Menschen tanzten so wild um den goldenen Stier, dass das Erscheinen des Propheten erst unbemerkt blieb. Moses war so empört, dass er die steinende 10-Gebote-Tafel zerstörte. Es ist eine lange Zeit vergangen, bis das Volk Reue empfand und um Rettung bat.

Auf ein Wunder wartend

Die russische Gesellschaft befindet sich heutzutage in einem solchen Zustand, dass es schwierig einzuschätzen ist, wie lange sie brauchen wird, um wieder auf den Weg der Moral zurückgebracht zu werden. Denn aktuell sind russische Vorstellungen von dem „Guten und Bösen“ sowohl von der christlichen Doktrin als auch von kommunistischen Idealen weit entfernt. Die Gebote lehren uns: „töte nicht, stehle nicht“ und so weiter. Doch es reicht auf die Straße zu gehen, einige Tage lang fernzusehen, mit Menschen aus der Provinz zu sprechen, Politikern zu lauschen oder sich Einkommenserklärungen unserer Abgeordneten anzuschauen…und es wird klar: in Russland sind jegliche 10-Gebote-Tafeln und Kodizes wirkungslos.

In den 90er Jahren, nachdem der Spinnweben kommunistischer Lügen verworfen wurde, leuchtete die Hoffnung auf, dass, zurück in die für Europa gewöhnliche Welt bürgerlicher Beziehungen, wir auch eine neue Moral finden würden. Die Realität sah anders aus. Die alten kommunistischen Werte verloren ihre Attraktivität, neue  wurden jedoch verzehrt und oft grotesk wahrgenommen. In die moralische Leere strömten aus Europa und den USA die durch sittliche Evolution nicht selektierte, sehr fragwürdige Muster der Moral, des Rechts und des Verhaltens. Oft waren es die schlechtesten, solche, die in Europa längst verworfen worden sind.

Erloschene Leuchttürme

Die Situation kann sich sogar noch verschlimmern. Die Generationen der „sowjetischen Menschen“, erzogen in wenn auch künstlichen und doch der christlichen Moral sehr nahen Einstellungen,  sterben aus. Der im ideologischen Reagenzglas geschaffene „einfache sowjetische Mensch“ existierte mehr oder weniger in einem System klarer und positiver Koordinaten. Ehrlichkeit, Fleiß, Kameradschaft und Kollektivität waren angesehen. Familie und Ehe wurden hoch respektiert.

Nach dem Bürgerkrieg schaffte die sowjetische Anti-Propaganda eine ganze Reihe wenn auch mythologisierter, doch richtiger Helden  und Erzfeinde. Der Bürgerkrieg, die Heldentat des Volkes, der Sieg und die darauffolgende Industrialisierung verursachten einen wahrhaftigen patriotischen Aufschwung. Eine besondere Position im Land nahmen Kriegsveteranen, Arbeitshelden, Wissenschaftler ein. „Junge Menschen haben bei uns überall grünes Licht und alte ihren verdienten Respekt“.  Sogar künstlich geschaffene, oft anekdotische propagandistische Vorbilder wie Tschapaev, Pawlik Morosow, Stirlitz, naive „Physiker und Lyriker“ – sie alle, ungeachtet des aufdringlichen Moralisierens, wurden vom Volk als „gilrs and boys next door“ wahrgenommen und dienten mehreren Generationen Russen als Vorbild.  Heute sind all diese „Leuchttürme“ erloschen. Auf die Bühne der „menschlichen Komödie“ in Russland sind nun neue Helden getreten– Banditen, Oligarchen,  Schmiergeldnehmer, gierige Beamte, Politiker mit Falschspieleraugen,  bestechliche Polizisten, schelmische Gouverneure, falsche Doktoren   und Akademiker, über die in der wissenschaftlichen Welt keiner je gehört hat.  Und all diese polierten Hülsen schreien aus dem Fernsehen und von der Bühne von ihrer Dolce Vita: „So muss man leben! Wenn du nichts gestohlen hast, wenn du keine Millionen hast, bist du ein Nichts!“

Nicht nur das Volk verliert moralische Orientierungspunkte. Noch mehr ist davon die Elite betroffen. All die „Propheten“, die von den Bildschirmen glänzen, konkurrieren nicht darum,  wer am meisten für das Vaterland leistet sondern darum, möglichst viel aus der Staatskasse zu stehlen und im Ausland sicher anzulegen, um die luxuriöseste Uhr und die schickste Villa.  Als tapfer gilt derjenige, der nicht nur eine Milliarde gestohlen sondern dabei auch sozialen Respekt beibehalten hat.  Derjenige, der auf dem Ostern-Gottesdienst neben dem Präsidenten steht und dem Patriarch die Hand küsst.  Im Hintergrund dieser bacchanalia versucht die Regierung das Volk über die große Bestimmung Russlands, den Dienst für die Gesellschaft, den Patriotismus zu unterrichten– ein russlandweiter ideologischer Gottesdienst.

Doch der Gottesdienst läuft, aber die Gemeinde fehlt. Die 10-Gebote-Tafel wurde gestohlen und ins Ausland gebracht. Wird man es schaffen, sie zurückzugewinnen?

Von Wjatscheslaw Kostikow, übersetzt aus dem Russischen: http://www.aif.ru/society/article/60529

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