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Die Geschichte vom Alexander zeigt alle Probleme der ukrainischen Armee heute

Ukraine ist seit über zwanzig Jahre unabhängig und ist für ihre Sicherheit allein verantwortlich. Die Zuständigen für die strategische und taktische Vorbereitung auf den Fall der Fälle sollten dafür sorgen, dass die Armee für einen Angriff von Außen oder Innen vorbereitet ist. Am Anfang gab es im militärischen Bereich nur Chaos und es ist für keinen so eine große Überraschung, dass die Steuergelder, die für die Armee bestimmt waren, in die Taschen der Minister und Generäle geflossen sind. Auch erinnert man sich vielleicht von an die Geschichte vom Wiktor But, einem Waffenhändler, der Anfang der neunziger die Waffen Staaten der zerfallenen  Sowjetunion im großen Still gekauft und an alle möglichen Schurken verkauft hat. Zum Teil wird die Geschichte dieser Person im Hollywood-Film „Lords of Wars“ erzählt. So hat man Jahr für Jahr die alten Waffen ausverkauft. Die Investitionen in die neuen waren nur für die Eigenbereicherung genutzt.

Zu den Zeiten des Sozialismus hat man sowieso die Grenzen zum Westen gestärkt. es gab praktisch keine Verteidigungslinien im Osten und Norden des Landes. Wozu denn auch? Dort lebte der „große Bruder“, der einen mit allen Mitteln verteidigen könnte. Es fehlte nicht nur an Waffen, sondern an allem, was ein Soldat vor, während und nach seinem Einsatz brauchen könnte: die Ausbildung war mangelhaft, die Ausrüstung noch aus Sowjetzeiten oder einer sehr schlechten Qualität aus China, die Generäle und Offiziere haben nie gelernt (haben niemals lernen müssen), wie man sich strategisch und taktisch verhält, die Militärkrankenhäuser (außer vielleicht in Kiew) waren für die Notlage nicht ausgerüstet, die Gesetzeslage für die Verwundeten und für die Witwen ist unklar und lückenhaft. Und wie aus dem heiteren Himmel tauchen bewaffnete Männer, zum Teil sehr gut ausgebildet, sehr gut  versorgt und ausgerüstet…

Ein Architekt meldet sich freiwillig

Alexander Mazur ist ein ganz normaler ukrainischer Bürger aus der Hauptstadt. Er ist ein Architekt und hat eine Arbeit, er ist verheiratet und hat eine kleine Tochter. Als der Krieg im Osten der Ukraine anfing hat er sich freiwillig zum Dienst gemeldet. Er wusste worauf er sich einlässt, denn er hatte eine militärische Ausbildung. Und er wollte nicht, dass sein Land von bewaffneten Männern geteilt wird.

Nach dem Euromaidan wusste man nicht auf welche Militäreinheiten man sich noch verlassen darf. Man konnte sich vielleicht einen strategischen Plan ausführen, die Befehle wurden jedoch entweder verweigert oder sabotiert. Auch die marode Struktur der Verteidigung und Versorgung hat sich gezeigt. Man konnte zu dem Zeitpunkt und bis jetzt auf die Bataillons mit Freiwilligen sowie schnell reformiertem Reserveverband der ukrainischen Streitkräfte, der sog. Nationalgarde.

Ausrüstung wird von Familie und Freunden finanziert

Am Anfang und zum Teil auch heute noch hatte man kaum reguläre Ausrüstung. Das heisst weder Hose und Jacke in Tarnfarben, noch Kampfstiefel, keine Kugelsicheren Westen, Schlafsäcke, Verbandsmaterial. Es fehlten auch Essen, Nachtsicht- und Kommunikationsgeräte sowie Transportmittel. Das alles wurde meinst von der Familie und Freunden der frischen Rekruten sowie von zahlreichen freiwilligen Helfern und Spendern finanziert und bis in die Kampfzone eingeliefert.

Auch Alexander hatte keine Kugelsichere Weste, keine Splitterschutzweste, keinen Helm. Er hatte eine Kugelsichere Weste von Freunden bekommen, hat diese jedoch einem Bekannten gegeben, der kurz vor der Abfahrt in die ATO Zone war. Er selbst blieb noch auf der sicheren Distanz zu dem tödlichen Artilleriebeschuss. Später bekam er doch noch eine Ausrüstung von den Spendern. Leider keinen Helm. Und das sollte ihm später noch zum Verhältnis werden.

Schnelle Erfolge, wenn Russland es zulässt

Nach wochenlangen Truppenbewegungen, Wache halten an Brücken und Fabriken, kam eine Offensivphase in der Region von Lugansk, wo Alexander mit seiner 12. BTrO im Einsatz war. Sie drangen sehr schnell Richtung Stadt Lugansk durch, haben alle umliegenden Ortschaften und ihre Bewohner von den Separatisten befreit und gesichert. Jeden Artilleriebeschuss konnten sie gut wegstecken. Kurz vor dem Einmarsch in die Hauptstadt der gleichnamigen Oblast haben sie den Befehl erhalten zu stoppen. Und so sind sie ein Paar Wochen an einer Stelle gestanden.

Jeden Abend oder am ganz frühen Morgen wurden ihre Stellungen von GRAD beschossen. Der richtete aber wenig Sach- und Personenschaden an. Man glaubte, dass dort wohl keine Profis am Werk waren. Nach einigen Tagen haben sie den Funk-Kanal der Separatisten entdeckt und abgehört. Wussten schon in Voraus wann und wohin diese schießen werden. Irgendwo saß ein Artilleriebeobachter und korrigierte die den Artilleriefeuer. Die Kameraden von Alexander waren nah dran ihn zu ausfindig zu machen.

An einem Tag hörten sie über Funk: „Schieß‘ alles ab, morgen hilft uns der Bruder“. Am nächsten Tag gab es Meldungen über den humanitären Konvoi in weißen LKWs aus Russland.

Volltreffer, Celox und bloß nicht einschlaffen

Wenn ein Mehrfachraketenwerfersystem ihre Raketen abschießt dann hört man und sieht man das aus weiter Entfernung. Man hat dann noch ein Paar Sekunden Zeit sich in den Graben zu verstecken. Die Raketen bedecken einen großen Bereich auf Entfernung bis zu 30 km. Jedoch ziemlich ungenau.

Als Alexander mit seinen Kameraden im Morgengrauen den Lager bewacht hat, hörten sie kein Dröhnen. Es explodierten zielgenau mehrere Raketen, jeweils an Stellen, wo Maschinen, Geräte und Lagerräume waren. Alexander bekam mehrere Splitter in sein Körper – Hände, Beine, Oberkörper und am Kopf. Noch drei weitere Soldaten wurden verletzt, einer – tödlich.

Auf dem Weg ins Militärkrankenhaus wurde Alexander von seinem Kameraden versorgt. Zum Glück hatte er Celox Blutstillungsgranulat, um das Blut schnell stoppen zu können. Leider hatte man keine richtige Ausbildung oder Anweisung, wie man dieses nutzt. So dauert es nicht lange, bis die Wunden wieder anfingen zu bluten. Besonders schlimm war die Wunde an der rechten Schläfe. Eine Splitter durchdrang seinen Kopf.

Um nicht einzuschlafen musste Alexander immer und immer wieder über sich selbst, über seine Familie und Freunde erzählen. Immer immer wieder. Bis ihm die ersten OPs durchgeführt wurden.

Ein Glück im Unglück

Wahrscheinlich hätten eine taktische Brille, eine Splitterschutzweste und ein Helm ihn vor den lebensbedrohlichen Wunden gerettet. Sein Helm, den er aus dem Militärbestand bekommen hatte, war ihm zu groß und war eher eine Belastung. Was anderes hatte er nicht. So war es am Ende ein Riesenglück, dass der ca. 1×1 cm großer Metallsplitter, der in die rechte Schläfe eingedrungen und an der linken angehalten hat, keine bemerkenswerten Auswirkungen hatte. Alexander konnte sich schnell erholen, er kommunizierte problemlos und stand schon bald auf den Beinen. Die Splitter musste im Kopf bleiben – die Ärzte empfehlen nicht diesen zu entfernen, da die OP größere Schäden hinterlassen kann. So bleibt das Fremdkörper, umhüllt von einem Überzug, den sein Organismus aufgebaut hatte, erst mal im Gehirn.

Alexander Mazur nach mehreren erfolgreichen OPs in der Ukraine

Alexander Mazur nach mehreren erfolgreichen OPs in der Ukraine

Einige weitere Wunden waren nicht viel weniger kompliziert. Wegen einer Explosionswelle wurde die Netzhaut in seinem rechten Auge gerissen. Der ärztliche Eingriff, der in der Ukraine von einem guten Spezialisten durchgeführt wurde, hätte auch in Deutschland nicht besser verlaufen können. Der Riss ist viel zu groß, um ihn operativ wieder in Ordnung zu bringen. So sieht Alexander am rechten Auge alles nur sehr verschwommen und nur bei guten Lichtverhältnissen.

Sie rechte Hand ist ebenfalls stark verwundet. Ein Splitter ging durch diese durch, brach die Knochen und zerriss die Nerven. Nach mehreren OPs konnte man in der Ukraine einen Nerv nicht findet, so kann er zwar ganz leicht mit den Fingern bewegen, spürt jedoch kaum etwas. Am linken Bein ist eine Sehne gerissen, so dass nicht alle Finger sich bewegen können. Außerdem befinden sich noch einige Splitter von den Armen und Beinen.

Eine ganz große Wunde war die psychische. Alexander konnte sich erste Zeit nicht mit vielen Menschen gleichzeitig unterhalten. Besonders während den Besucherzeiten im Krankenhaus waren ein großer Stress für ihn. Später, auf der Straße, musste er sich ständig umdrehen, da er das Gefühl hatte, verfolgt zu werden.

Freiwillige Psychologin, Familie und Freunde

Eines Tages kam eine freiwillige Helferin auf sein Patientenzimmer im Krankenhaus in Kiew und bot ihm seine Hilfe an. Es wurde zwar nichts aus der seelischen Hilfe aber sie konnte für den Alexander einen Arzt in München finden, sowie Menschen, die ihm vor Ort helfen würden. Das Know-How und die Geräte der deutschen Ärzte waren die letzte Hoffnung für den Alexander seinen Auge wieder in Ordnung zu bringen. Da man ihm in Kiew angeboten hatte eine individuelle Schädelrekonstruktionen aus Titan aus Deutschland zu bestellen und in Kiew anzubringen, hatte Alexander sich entschlossen das Geld zu sammeln und selbst ins Ausland zu fliegen.

Alexander wird in München erwartet. Hier: in einer Kennenlernrunde in der ukrainischen Gemeinde

Alexander wird in München erwartet. Hier: in einer Kennenlernrunde in der ukrainischen Gemeinde

Seine Ehefrau, Freunde und Bekannte fingen an das Geld zu sammeln. Es kamen Spenden auch von unbekannten Ukrainern aus China. So reichte das Geld für das Visum, für die Flugtickets und die erste Zeit in der unbekannten Stadt.

Auch in der Ukraine sind verletzte Soldaten, Zivilisten, Witwen und Flüchtlinge meist auf sich selbst gestellt. Zwar gibt es Gesetze, die diese Menschen mit finanziellen Hilfen versorgen müssen, diese werden aber nur selten eingehalten. Freunde und Verwandte müssen viele Dokumente zusammensuchen, sich in allen Möglichen Wartelisten eintragen und vom einem Ministerium ins andere laufen. Deswegen hoffen viele auf Spenden aus der Ukraine als auch aus dem Ausland (aber auch hier gibt es Betrüger – man sollte aber immer doppelt überprüfen, wem man spendet).

Zwischen Arztterminen und Operationen

Zwischen Arztterminen und Operationen

Ausstehende OPs für Alexander

Am 12. November wird Alexander zum ersten Mal in München operiert. Es werden mehrere operative Eingriffe in einer Münchner Klinik durchgeführt: am rechten Arm soll ein Nerv zusammengenäht werden, Splitter aus den Armen und Beinen müssen entfernt werden, eine Sehne am linken Bein soll operiert werden. Danach wird eine individuelle Schädelrekonstruktionen aus Titan angefertigt und am Kopf angebracht. Die Netzhaut im rechten Auge soll noch
untersucht und ein mögliche Heilplan vorgeschlagen werden.

Wer dem Alexander finanziell helfen möchte, kann das gerne tun. Weitere Informationen finden Sie unter www.ich-helfe-ukraine.de/konstantin/

Spendenaufruf

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