Bitte schreibe deinen Kommentar zu diesem Beitrag. Danke!

Das Phänomen der russischen Unfreundlichkeit

Es bedurfte einer Umstellung, einer großen Anstrengung, aber inzwischen ist es bei mir zur Gewohnheit geworden: die Menschen anzulächeln. Ich treffe einen Kollegen im Gang und lächle ihm freundlich zu: er lächelt zurück. Es ist eine Kleinigkeit, eine Selbstverständlichkeit in der westlichen Gesellschaft, jedoch macht sie erst dann viel aus, wenn man ein Gegenbeispiel sieht. Jemand, der grimmig guckt, etwas vor sich hin murmelt steht automatisch schlechter da.

Mir viel es nicht einfach, das Lächeln sich einzueignen, denn in Russland ist das Lächeln nicht selbstverständlich. Denkt daran, wenn euch ein Ossi demnächst nicht freundlich begrüßt: er meint es vielleicht nicht böse, er kennt es einfach nicht anders.

Über das Phänomen der russischen Unfreundlichkeit erzählte neulich Maxim Faldin, Mitinhaber von Wikimart, ein russischer Internet-Unternehmer und Absolvent von MGU und Stanford University:

Es gibt einen besonderen Begriff, den  „reversiblen Kulturschock“. Er ist jedem vertraut, der nach einem langen Urlaub nach Russland zurückkehrt.

Ich kann mich gut daran erinnern, wie schockiert ich damals vor drei Jahren war, als die erste Publikation über Wikimart in Russland herausgekommen ist. Wir berichteten darüber, wie wir unser Geschäft nach einem Studium in den USA angefangen haben, was genau wir machen und warum es für uns wichtig ist.

Dies rufte lauter negative Kommentare seitens der Leser des Portals executive.ru hervor: Ihr stehlt das Geld der Investoren (obwohl es gar keinen Grund für solche Schlussfolgerungen gab), macht hat alles falsch und verkehrt, ihr werdet keinen Erfolg haben. Nach dieser Publikation erzählten wir viel über uns und Wikimart in verschiedenen Medien. Und haben uns inzwischen daran gewöhnt, dass negative Reaktionen und Kommentare meistens nicht deswegen aufkommen, weil den Menschen unser Service nicht gefällt oder sie nicht einverstanden sind mit dem, was wir sagen. Vielmehr scheint es ihnen, dass wir sie belügen würden. Oder noch simpler: uns geht es in Wirklichkeit sehr schlecht. Na, einfach schlecht, das war’s. Es gibt einen besonderen Begriff, den  „reversiblen Kulturschock“. Er ist jedem vertraut, der nach einem langen Urlaub nach Russland zurückkehrt. Der Grund dafür ist nicht, dass da etwa noch die Sonne scheint und hier nicht. Eher liegt es am Fehlen einer positiven Einstellung in unserer sozialen Umgebung. Ich habe bereits vor langer Zeit gemerkt, dass russische Kunden sehr spärlich mit dem Wort „Danke“ umgehen. Negatives, hingegen, wird liebend gerne ausgeschüttet. Typisch für Russland ist folgende kulturelle Erscheinung: Selbstbehauptung wird gerne durch Kritik seiner Mitmenschen ausgeübt. Von diesem Phänomen berichtete einst in einem Fernsehinterview Kostja Tszju, ehemaliger Box-Weltmeister. Er war erstaunt über das Ausmaß negativer Reaktionen seitens russischer Fans auf jeden Fehler russischer Sportler. Er nahm an unzähligen internationalen Weltkämpfen teil und reiste über die ganze Welt. Nirgendwo sonst konnte er einen solchen Hass gegenüber Sportlern seitens ihrer einheimischen Fans beobachten und einen dergleichen Enthusiasmus, mit welchem diese Fans über die Niederlagen ihrer Sportler berichteten.
Kostjas Bemerkungen erinnerten mich an die Niederlage der russischen Nationalmannschaft bei der Fußball-Weltmeisterschaft im Sommer 2010. Sport ist nun mal so eine Sache – von Niederlagen ist hier keiner versichert. Unsere Nationalmannschaft ist nicht ins Finale gekommen, nun sollte sie etwa notwendigerweise? Russland ist eben nicht Brasilien. Aber unsere Fußballspieler wurden einer mächtigen Hasswelle ausgesetzt – konkrete Personen, die noch am Tag davor von allen gepriesen wurden.  Die nicht ganz so adäquate Reaktion Arschawins darauf wurde meiner Meinung nach durch noch weniger adäquates Verhalten der Fans hervorgerufen.

Zweifellos gibt es reale Probleme, die solche negativen Reaktionen verursachen. Aber zum Großteil existieren solche Probleme deswegen, weil wir uns selbst mit negativen Emotionen aufladen. Wir tauschen diese aus. Du betrittst einen Aufzug und siehst ein grimmig-unfreundliches Gesicht deines Nachbarn. Negative Emotionen sind in der Lage, in Sekundenschnelle überliefert zu werden und sich selbst zu potenzieren. Im Ergebnis sinkt deine Stimmung herunter. Und danach erwarten dich die Straße, deine Kollegen, Bahnfahrer – weitere Ladungen negativer Emotionen.

Russland ist das Land der schlechten Gleichgewichte. Ich denke, du belügst mich, du denkst dasselbe von mir, und zusammen kämpfen wir von vornherein gegen gegenseitigen Betrug, was in einer a priori schlechten Einstellung einander gegenüber resultiert.  Solch ein bizarrer Gleichgewichtszustand beeinträchtigt selbstverständlich die Effizienz des Geschäfts. Bestimmte Zusammenwirkungen werden unmöglich: Vereinbarungen ohne Garantien und Abmachungen aufs Ehrenwort. Wenn man bei sich selbst die Disziplin herausarbeitet, nicht in dieses falsche Equilibrium zu verfallen, dass kommt es auch nicht zu solchen Zuständen. Wenn man Glück hat, trifft man auf Menschen, die in gleicherweise diszipliniert sind und es kommt zu einer produktiven und effizienten Zusammenarbeit. In unserer Branche, dem Online-Retailing, gibt es natürlich Konkurrenz. Jedoch ist man hier nicht gewohnt, schlecht über seine Konkurrenten zu sprechen. Kein Gezänk,  wir alle kommunizieren und kooperieren miteinander. Und die Branche wächst sehr schnell, sie entwickelt sich weiter.

Ich würde ungerne mit einer traurigen Note enden, aber diese Schlussfolgerung bietet sich selbst an: für dieses Phänomen ist uns die alleinige Schuld zuzuschreiben. Weder Putin noch der Regierung, wenn diese auch ein Rollenbeispiel darstellen: bei russischen Politikern ist ein Lächeln nicht angebracht. Um Gotteswillen wird dieses Lächeln im Fernsehen gezeigt – dann werden die Menschen denken, du seist kein seriöser Mensch oder hast etwas zu verbergen.

Ich würde nicht auf unsere Geschichte oder unser Klima als eine Rechtfertigung unseren Phänomens verweisen. Nach einem zweijährigen Aufenthalt in Kalifornien kann ich nur bestätigen, dass es da tatsächlich leichter fällt, zu lächeln. Vielleicht ist das teilweise der südlichen Atmosphäre zu verdanken. Aber in Finnland, zum Beispiel, wo das Klima teilweise noch schlechter ist als in Russland, sind die Menschen sowohl im Alltag als auch im Geschäftsleben viel angenehmer und freundlicher im Umgang. Ein Spiegelbild seiner Umwelt zu sein ist meiner Meinung nach das unpassendste Verhaltensmuster. Das Problem liegt weniger im Umfeld, vielmehr steckt es in unserer Reaktion darauf.

Seine Umwelt muss man aus sich selbst heraus verändern. Einander mehr positive Emotionen zu spenden bedeutet sich selbst mehr Freude schenken. Und all diejenigen, die es nicht brauchen, sollen doch negative Kommentare schreiben. Welcome! – ich bin es gewohnt.

Einen Kommentar schreiben

Hot Tags