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Boykottgesellschaft Deutschland

Ist ein Boykott die Lösung? Das fragt man sich jede zwei  oder vier Jahre

Ist ein Boykott die Lösung? Das fragt man sich jede zwei oder vier Jahre

Wenige Wochen vor dem Anpfiff zur EURO 2012 in Polen und Ukraine werden die Stimmen in Deutschland zu einem Boykott der Fußballmeisterschaft immer lauter. Das sportliche Ereignis soll laut einigen deutschen Politikern, darunter die Vorsitzende der Grünen, Claudia Roth, boykottiert werden. Somit reagiert Deutschland auf Umgang mit der inhaftierten Julia Timoschenko.

Die deutschen Fans haben etwas andere Sorgen – am Freitag wurden von Unbekannten vier Sprengkörper gezündet und 29 Menschen verletzt. Der terroristische Attentat hat sich in der Stadt Dnipropetowsk ereignet. Zwar werden dort keine EM Spiele ausgetragen, aber die Menschen haben jetzt Sorgen um ihre Sicherheit.

Dann gab es vor einigen Wochen regelrechte Hetzjagd auf die gesamte Ukraine, mit ihren Politikern, Euro 2012 Organisatoren und einfachen Menschen. Der Grund war ein Gerücht, die Ukrainer töten Straßenhunde, um die Straßen der Fußballeuropameisterschaft wegen zu säubern. Die Gerüchte wurden mit Fotos und Videos mit zweifelhafter Herkunft „belegt“.

Wenn die Sorgen wegen der Sicherheit nach den Bombenexplosionen noch verständlich sind – denn niemand will ein unruhiges Land besuchen. Obwohl die Organisatoren und UEFA von den Sicherheitsmaßnahmen während den Spielen überzeugt sind, könnte der ein oder andere seine Tickets verkaufen und lieber Zuhause die Spiele ansehen.

Aber die Rufe nach einem Boykott, sowohl im Fall von Tötungen der Straßenhunde als auch im Fall von Julia Timoschenko, sind mehr als hysterisch, irrational und, entschuldigt es mir bitte, typisch Deutsch.

Deutsche Politiker fordern Ukraine Boykott

Frau Roth hat die Bundestagsabgeordneten aufgefordert, die EM zu boykottieren und sich von der Reise in die Ukraine zu abzuhalten. Damit reagiert sie auf Umgang mit der Oppositionsführerin Julia Timoschenko, die im letzten Jahr verurteilt war und sich über Umstände im Knast beschwert. Es gibt ein Gerücht, sie sei sogar von Wärtern geschlagen worden.

Auch der Umweltminister Röttgen schlägt vor die Ukraine während der EM zu meiden. Röttgen sagte der Bild-Zeitung, es müsse unbedingt verhindert werden, dass das ukrainische Regime die EM zur Aufwertung seiner Diktatur nutze. Und fügt hinzu, die Ukraine soll die Inhaftierte Julia Tymoschenko freilassen.

Also bitte, Herr Röttgen. Zum einen wurde der ukrainische Präsident durch demokratische Wahlen, die von Deutschland akzeptiert wurden, gewählt. Es ist durchaus vorstellbar, dass dort (von beiden Seiten) manipuliert wurde. Aber Ukraine ist ein demokratisches Land im Herzen der Europa und das kann nicht geleugnet werden. Wenn Sie schon Ukraine während der zweifelhaften politischen Methoden so angreifen, dann fahren Sie bitte nicht mit doppelten Standards und akzeptieren Sie keine Geschäfte, darunter so wichtige Gaslieferungen, mit Russland und auch keine Beziehungen zur Volksrepublik China.

Zum anderen, wurde Frau Timoschenko vor einem halben Jahr von einem Gericht zur Haft verurteilt. Und diese Entscheidung kann man nicht einfach so umgehen und Ukraine auf politischer Ebene durch irgendwelche Forderungen oder Boykotts dazu zwingen sie frei zu lassen. Julia Timoschenkos erster Prozess war eine Farce, die von fast allen EU Ländern verurteilt war. Aber es war schon vor einem halben Jahr – warum erst jetzt diese harten Worte?

Zum Glück hat Deutschland noch Minister Friedrich und Westerwelle und auch den Bundespräsidenten Gauck, die ein Boykott ausschließen. Eine Absage der Teilnahme an dem Präsidententreffen in Jalta ist aber ein richtiger Schritt – ein Signal auf politischer Ebene.

In diesem Artikel möchte ich noch auf ein Beitrag „Der Fall Julia Timoschenko“ auf honigdachs.com verweisen, wo es auf die schwierige Zusammenhänge in der ukrainische Politik verwiesen wird. Auch spricht der Autor von einem doppelten Standard der europäischen Politiker im Bezug auf Ukraine und von Idealisierungen der Opposition und speziell Julia Timoschenko. Die Bundesabgeordneten sehen in der ukrainischen Oppositionsführerin mit dem traditionellen Zopf eine selbstlose Kämpferin gegen das Böse. Und vergessen gern, wie Frau Timoschenko in die Politik kam und was sie alles während ihrer Amtszeit geleistet hat bzw. was sie alles nicht durchsetzen konnte oder wollte.

Es ist aber schon verwunderlich, dass vor jedem großen Ereignis einige deutsche Politiker und ein Paar Mitbürger zum Boykott aufrufen. So war es auch mit den Olympischen Spielen in China. Dort ging es um Tibet und seine Freiheit. Jetzt wollen sich bestimmte Menschen auf Kosten der Ukraine positionieren und profilieren. Wobei machen die das zu einem Zeitpunkt, wo es am meisten Wellen schlagen kann – kurz vor dem Sportereignis. Jahre oder Monate davor merkt man es nicht oder will das Thema nicht angehen, um die Karte später auszuspielen und werden somit zum Mitwisser und Mitverantwortlichen.

Auch die Medien haben eine Mitschuld und spekulieren über mögliche Szenarien. Und je spektakulärer die sind, um so größer die Zahl der geschriebenen Artikel und gedrehter Reportagen. Ohne sich groß in die Details und Ursachen zu vertiefen, schreibt man so los und verweist auf Kommentare der Sprecher oder auf die Interviews der Bild-Zeitung. Ergebnis: man hat für wenige Tage oder Wochen ein brisantes Thema, danach wird es ausgetauscht und niemand interessiert sich dafür großartig. Die Probleme bleiben im fremden Land, man hat den Pokal und die Leser bzw. Wähler sind mit ihren Gedanken wieder woanders.

Vitali Klitschko und Uli Hoeness: Kein Boykott der Euro 2012

Der Box-Weltmeister und Politiker Vitali Kliscthko spricht sich definitiv gegen ein Boykott der Euro 2012 aus. Es sei nicht richtig, wenn so ein Ereignis der Ukraine wieder weggenommen oder dazu benutzt wird gegen die Ukraine zu hetzen. Es ist zwar eine sehr gute Möglichkeit auf die Missstände in einem Land aufmerksam zu machen, aber ein Boykott würde vor allem die Menschen im Land und die Sportfreunde, die gern in ein Land reisen würden, treffen – nicht die Politiker, die dafür verantwortlich sind. „Dieses Turnier ist das größte Sportereignis in der Geschichte der Ukraine. Es muss stattfinden. Im Gegenteil, es ist sogar eine hervorragende Gelegenheit, die Aufmerksamkeit der Welt auf die Missstände in unserem Land zu lenken“, sagte Klitschko in einem Interview zu Spiegel-online.

Massentötung der Straßenhunde als Grund für ein Boykott

Auch Tierschützer würden die Spiele gern boykottieren aber aus einem anderen Grund als die Politiker. Wir haben über illegale und abscheuliche Tötungen der Straßenhunde geschrieben aber auch über die Medienmanipulationen und Hasskampagnen gegen Ukraine und derer Bürger. Auch hier ist die Natur der bequemem Menschen zu sehen. Es wird gern und sehr schnell über ein Land anhand eines oberflächliches Wissens und falsche Annahmen urteilt und zu Maßnahmen aufgefordert, die nichts mit einer Lösung zu tun haben. So entstanden massenhaft Gruppen in sozialen Netzen, wo Tierschützer und Tierliebhaber sich über das Problem aufgeregt und zu einem Boykott aufgerufen haben. Mit einem Like hat man sich zufrieden gestellt und mit einem Teilen konnte man besser schlafen.

Es ist eine ähnliche Situation, wie mit den Menschenrechteverletzungen in Tibet – die gab es schon mehrere Jahre. Aber nur aufgrund der Olympischen Spielen damals wurde die Maße darauf aufmerksam und folgte die die Herde Schafe den Aufrufen zum Boykott. Nach einer gewissen Zeit beruhigten sich die Gemüter auch in den Medien.

Es ist durchaus wichtig ein Problem zu beschreiben und zu thematisieren. Ein Boykott würde das Problem aber nicht lösen, sondern nur betäuben. Es würde die Wirtschaft und letztendlich die einfachen Menschen treffen. Die Organisatoren und Politiker haben nämlich zu diesem Zeitpunkt schon längst genug Millionen verdient.

4 Kommentare zu “Boykottgesellschaft Deutschland”

  1. Kataam 29.04.2012 um 22:58

    Vielen Dank! Ein sehr interessanter und umfassender Artikel.
    Ich habe auf Anhieb keine Beweise, aber ich könnte mir vorstellen, dass dies nicht „typisch Deutsch“ sondern „typisch Politik“ ist. Ich denke, dass in vielen Ländern die Politiker Ereignisse dieser Art dazu nutzen, bei ihren Wählern zu punkten. In einem sehr liberalen Land wie Deutschland kommt die Kritik am Menschenrechtsverletzungen besser an und sorgt normalerweise für mehr gewonnene Stimmen.
    Jedoch habe ich das Gefühl, dass diesmal die Boykott-Aufrufe deutscher Politiker (u.a. SPD-Chef Gabriel) nicht so viel Wirkung erzielt haben. Die Leser von Tagesschau äußerten sich sehr kritisch und zeugten Gabriel Heuchelei.
    Für mich ist dieses Verhalten von Gabriel und Roth ein weiterer Grund gegen Rot-Gründ bei der kommenden Landtagswahl abzustimmen.

  2. medwedewam 30.04.2012 um 00:23

    Hallo kata, ich verstehe, was du meinst. Ich veralgemeine ungern habe es aber bewusst in diesem Artikel gemacht. Denn es geht nicht nur um Politiker, sondern um alle Bürger, darunter auch Tierliebhaber, die im Laufe der Hasskamagnen allen Ukrainern Tod wünschen und um Politiker, die statt Handeln und Ukraine in Europa zu integrieren mit sinnlosen Boykotts drohen und letztendlich dann doch zu EM fahren oder die Spiele im TV schauen (und sich dabei die Werbeplakate ansehen und somit die Spiele sposnern)

  3. Lalaboyam 30.04.2012 um 00:33

    Die Leute wissen noch nicht, dass in der Ukraine seit zig Jahren ein Problem mit elternlosen Kindern, die Kleber schnüffeln oder Problem mit illegalem Organhandel gibt und und und. Sowas ist schwer unter Kontrolle zu kriegen und niemand will von diesem Problemmen wissen, solange es keinen Medien-Rummel gibt und es noch keine Facebook Gruppen zum Boykott aus diesem Grund gibt. Aber genau um diese Probleme zu lösen, muss man eigene Werte in Länder wie Ukraine und Russland exportieren, anstatt sie zu boykottieren.

  4. […] unter massiven Kritik von allen Seiten. Zum einen werden die Stimmen aus Europa lauter, die ein Boykott wegen der Behandlung von Julia Timoschenko fordern, zum anderen kritisieren die Tierschützer das angebliche Vorgehen der Organisatoren […]

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