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„Besucher sehen nicht gern Behinderte“ – Autistischen Kinder sollten des Moskauer Ozeanarium an einem Hygienetag besuchen

Wenn man davon liest, dass die russische Gesellschaft die Regime Putins satt hat und bereit für demokratische Veränderungen sei, vergisst man oft darüber, dass die Russen oft Demokratie als „Recht der Mehrheit“ auffassen und dabei gern die Minderheiten diskriminieren, seien es nationale Minderheiten, Schwule oder Behinderte. Man bekommt von Russen in Europa oft zu hören, dass hier auffällig viele Behinderte sind. „Was ist bei euch los“ – wundern sich die Touristen – „Überall Autisten, menschen mit körperlichen Behinderungen… Irgendwas ist mit der Nation hier nicht in Ordnung.“ Kein Wunder, denn in Russland gibt es schon seit der Sowjetzeit keine ausreichende Möglichkeiten für Behinderte ein normales Leben zu führen. Sie werden als minderwertige Mitglieder der Gesellschaft angesehen, die in Krankenhäusern und zuhause versteckt werden.

Moskauer Ozeanarium. Foto: ridus.ru

Am Anfang dieses Jahres wandte sich eine Schule auf Kaschenkin Lug (eine Straße in Moskau), an der autistische Kinder unterrichtet werden, an Moskauer Ozeanarium auf Dmitrovskoje Chaussee mit der Bitte für ihre Schüler einen Ausflug zu organisieren. Das teilt Mutter eines der Schüler Jana Waldberg beim Facebook mit. Das Schulpersonal teilte Kinder in kleine Gruppen mit Begleitung auf und rief für die Klärung der Details und die Tätigung einer Vorauszahlung im Ozeanarium an. Die Mitarbeiterin am Telefon fand aber den für sie unbekannten Begriff „Autismus“ verdächtig und wollte den Direktor der Einrichtung konsultieren.

Nach dem Gespräch mit dem Direktor bekam die Schullehrerin wortwörtlich folgende Erklärung zu hören: „Abgesagt. Besucher sehen nicht gern Behinderte, das erregt bei ihnen Mitleid. Das ist unannehmbar“. Man bot den Lehrern an, einen Ausflug speziell für alle Gruppen der Autisten an einem Hygienetag durchzuführen, „damit sie keiner sieht“.

Dabei, wie Jana Waldberg unterstreicht, sind auf der Webseite des Ozeanariums sogar Informationen zu Ermäßigungen für Behinderte angegeben, die allerdings ungerechterweise nicht am Wochenende und Feiertagen gelten.

Darauf hin schickte Svetlana Starkova, die Co-Präsidentin der Russlandweiten Behindertenorganisation für die Interessen behinderter Kinder und Blogger der Radiostation „Svoboda“ (aus dem Russ. „Freiheit“) ist, eine Anfrage an den Pressedienst des Ozeanariums. Laut Aussage der Administration soll die Situation höchstwahrscheinlich in der Periode eines hohen Besucheranlaufs passiert sein. Aus diesem Grund hätte man den behinderten Kindern einen Besuch an einem der Hygienetage angeboten, damit sie „nicht Schlange stehen und großer Menschenansammlung entgegentreten müssten“… Außerdem betonte man: „Falls sich dieser Zwischenfall tatsächlich ereignen sollte, müssen die zuständigen Mitarbeiter mit einer harten Strafe rechnen“.

Diese Situation erregte die Aufmerksamkeit der Baugesellschaft, die das Ozeanarium errichtet hatte, sowie der Menschenrechtler, die eine Überprüfung des Vorfalls veranlassen wollen. „Wenn es wahr ist, gilt es als ein direkter Verstoß gegen Rechte behinderter Menschen. Dabei passiert es nicht im Rechtschutzbereich, in dem bekanntlich gefühllose Bürokratie herrscht, sondern unter normalen Menschen“, – stellte bei einem Interview für „Interfax“ Lev Ponomarev fest, der Anführer der sozialen Bewegung „Für Menschenrechte“ ist. Er hob hervor, dass dieses Geschehnis die russische Gesellschaft leider von seiner unansehnlichen Seite charakterisiert.

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